Storytelling - Kollektives Lernen von Geschichten

Eindrücke einer anderen e7° storytelling Veranstaltung (Thomas Ghelfi).

Eindrücke einer anderen e7° storytelling Veranstaltung (Thomas Ghelfi).

Am 15. Februar 2018 kamen in Bern 250 Menschen zusammen, um das Sustainable Development Solutions Network Schweiz SDSN zu lancieren und um die Schweiz einige Schritte weiter in Richtung Agenda 2030 zu bewegen. Selten genug treffen so viele Menschen mit so viel Wissen und Erfahrungen zusammen. Diese Chance galt es zu nutzen. Aber wie? Das Hostingteam der Konferenz in Zusammenarbeit mit collaboratio helvetica hat sich für das Lernen von Geschichten entschieden. Methodisch fiel die Wahl auf das Collective Story Harvesting. Klingender Name – und was darf man sich konkret darunter vorstellen?

Geschichten sind ein Geschenk

Zwanzig Menschen sitzen im Kreis und lauschen der Geschichte von Sonia Seneviratne, Klimaforscherin an der ETH Zürich. Sie erzählt von ihrer Forschungstätigkeit in Ecuador. Ohne Powerpoint, ohne Leinwand, ohne Filmmaterial. Die Teilnehmenden hören aufmerksam zu, ohne ungeduldiges Hin- und Herrutschen auf den Stühlen, ohne einen Blick auf das Handy, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen. Diese Viertelstunde gehört allein der Erzählerin. Sie hat die ungeteilte Aufmerksamkeit der Gruppe.

Sie erzählt eine Geschichte, wie sie diese bei einem Forschungsaufenthalt in Ecuador erlebt hat. Sie handelt von Herausforderungen, Missverständnissen, wachsendem Vertrauen, gemeinsamer Sprache, Erfolgen und Lernschritten. Die Zuhörerinnen und Zuhörer hören – je nach ihrer Aufgabe - auf bestimmte Aspekte in der Geschichte: Jemand achtet auf den roten Faden, jemand auf Wendepunkte, jemand auf das Thema Leadership und jemand auf Aspekte der nachhaltigen Entwicklung. Hinterher tragen sie ihre jeweiligen Erkenntnisse zurück in die Gruppe. Diese sind vielfältig und vermögen sogar die Erzählerin selbst zu überraschen. Sie hat der Gruppe mit ihrer Geschichte ein Geschenk gemacht und wird selber beschenkt mit neuen Perspektiven auf ihre eigene Geschichte. So verlassen die Teilnehmenden die Runde inspiriert und angeregt, nachdenklich und dankbar.

Warum Geschichten?

Zunächst einmal ist das Erzählen von Geschichten eine soziale Technik, die wohl so alt ist wie die Menschheit selbst. Seit Urzeiten sitzen Menschen zusammen – um den Ofen oder das Feuer – und erzählen sich Geschichten. Wir knüpfen mit dem Geschichten-Erzählen also an etwas Archaisches an. Das ist aber noch nicht alles: Geschichten transportieren Fakten in einem verständlichen Zusammenhang, reduzieren Komplexität und betten ein Thema in einen konkreten Kontext ein. So können wir uns einerseits Fakten besser merken. Andererseits erschliessen sich uns Sinn und Bedeutung nicht nur auf der kognitiven, sondern auch auf der emotionalen Ebene. Geschichten sind vielschichtig und sprechen uns daher ganzheitlich an. Denn sie handeln nicht bloss von Fakten, sondern auch von Freuden, Ängsten und Hoffnungen. Oftmals erkennen wir darin Parallelen zu eigenen Erlebnissen und gehen deshalb mit der Geschichte in Resonanz.

Zutaten einer guten Geschichte

Wenn Geschichten gut erzählt sind, gehen sie unter die Haut. Das kennen wir von einem spannenden Buch oder einem Kinofilm, wenn wir uns völlig in eine Geschichte reinziehen lassen und alles um uns herum vergessen. Was also sind die Zutaten einer guten Geschichte? Der US-amerikanische Mythologe Joseph Campbell (Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten, Insel Verlag, 2011) hat herausgefunden, dass prägende Geschichten – von der griechischen Mythologie bis zu aktuellen Hollywood-Blockbustern – einer ähnlichen Struktur folgen. Sie erzählen von einem Helden oder einer Heldin, die sich einer Herausforderung stellt, die Komfortzone verlässt, ein Wagnis eingeht und sich aufmacht, ein Abenteuer zu bestehen. Der Ausgang ist ungewiss. Unterwegs trifft er bzw. sie auf Herausforderungen, Hindernisse, Rätsel, die gelöst und überwunden sein wollen. Oft trifft er bzw. sie unterwegs auf Helferinnen und Helfer. Eine Fee mit einem Zauber oder Gefährten, mit deren Unterstützung auch die letzte Prüfung gemeistert werden kann. Das ist aber noch nicht das Happy-End. Eine Heldengeschichte ist erst dann vollendet, wenn der Held oder die Heldin in ihre Welt zurückkehrt und das Gelernte nutzbar macht für die Gemeinschaft. Dann ist die Heldenreise kein Egotrip, sondern stiftet kollektiven Sinn und Nutzen.

Was hat das mit dem Hier und Jetzt zu tun?

Was haben Hollywood-Blockbuster und Märchen mit unserer Realität im Hier und Jetzt zu tun? Geschichten prägen unsere Wahrnehmung der Welt. Hören wir tagtäglich nur Geschichten von Krieg, Zerstörung, Hass und Misslingen, verfallen wir in Fatalismus. Geschichten des Gelingens und Lernens zeigen uns auf, was wir – jeder und jede einzelne von uns – bewirken können. Sie machen Lust und Mut, selber zu handeln. Und weil wir Geschichten meist mehreren Menschen erzählen, tragen sie dazu bei, gemeinsam zu lernen. Denn wenn wir die komplexen und enormen Herausforderungen anpacken wollen, vor welchen die Menschheit steht, brauchen wir viele Heldinnen und Gefährten, die sich gemeinsam auf den Weg machen ins Abenteuer. Ausgang ungewiss.

 

In this blog article Katja Breitenmoser (e7° Beratung | Bildung | Reisen GmbH) shared her experience of a storytelling breakout session during the SDSN Switzerland launch conference from February 15. On her website you will find the original blog post. Next week we will share with you a more technical blog article about the method of Collective Story Harvesting.